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2 Leseproben übers Landgraf und Willi Warma, wie sie in Linz vorgetragen wurden.

LANDGRAF

Johnny Pic­hler gelesen von Harry Hurtig
Manfred Cellnigg & Harry Hurtig gelesen von Peter Donke
Baua & Hansi Riener gelesen von Peter Leisch

Johnny Pichler: Mein Vater hat eine eigene Firma gehabt. Wir waren jedes Jahr eine Woche in St. Moritz Schifahren,  haben in einer sehr tollen Wohnung gewohnt und Vater ist BMW gefahren. Ich habe das als ziemlich normal empfunden. Ich glaube aber, dass viele Freunde von mir, die mich besucht haben und ihre Tschick am Teppich ausgedämpft haben, es nicht so ganz als normal ansahen. Wobei ich sagen muss, dass ich überhaupt nicht  konservativ erzogen worden bin. Meine Deutschlehrerin in der Spittelwies’ hat lange Jahre später zu meiner Mutter gesagt, meine Schwester und ich wären das am heftigsten pubertierende Geschwisterpärchen am  Akademischen Gymnasium gewesen. Mir wurde relativ viel des Weges von meiner drei Jahre älteren Schwester geebnet. Das Unheil begann damit, dass sie mich mit 14 ins Café Landgraf mitgenommen hat. Dort hat es dann gleich einen Disput gegeben, weil die Lisi, meine Schwester, zur Donaulände runter Haschisch rauchen gegangen ist und ich nicht mit durfte. Eigentlich war sie Hippie und ich war Punk. Da gibt es Beweisfotos. Ich weiß noch, dass ich mir Turnschuhe gekauft habe, und es klar war, dass man die mit Edding anpinseln muss. Aber ich wusste nicht, ob ich nun Mod oder Punk werden wollte. Also habe ich halt auf die Schuhe Sex Pistols und Madness  geschrieben. Cool war ja beides. Hauptsache England. Die Lisi war vorher auf so einem typischen Sprach- urlaub in England und ist mit vielen interessanten Platten zurückgekommen: Specials, Madness. Ich war damals 13 und bin am Nachhauseweg von der Spittelwies’ immer bei Mojo Records vorbeigekommen, wo ich mir die Schaufenster angesehen habe. Das hat mir getaugt, das war irre cool. Mir war schon bewusst, dass das etwas Gefährliches ist. Zu meinem 14. Geburtstag habe ich mir dann die erste Clash-LP gekauft.

Thomas Baua Hauer: Ich bin als Scheidungswaise aus Ebelsberg nach Linz gekommen und war völlig verloren in der Innenstadt. Eigentlich war ich prädestiniert für den Punk. Bis ich so etwas wie das klassische Ramones-Erlebnis hatte. Sie waren damals fast eine religiöse Offenbarung für mich, das war Lebensenergie und hat mir Zuversicht gegeben. Ich bin in die Baumbachschule gegangen, die jetzige Waldorfschule, und nach der Schule oft bei Mojo Records vorbeigegangen. Dort drinnen habe ich den Holzinger Kurtl und Scheiber Andi gesehen – diese Linzer Urpunks. Der Scheiber Andi: groß gewachsen, hager, Sakko, Sicherheitsnadeln. Das war es dann. Punk und die Ramones-LP. Das war mein Einstieg.

Hansi Riener: Mir ist schnell aufgefallen, dass eigentlich alle Bands aus Urfahr gekommen sind. Mollies, Willis, Secretary Modern. Alles ist im selben Grätzel passiert. Irgendwie habe ich alle schon vom Sehen gekannt und mir im Landgraf dann oft gedacht: „Boah, jetzt spielt der auch in einer Band.“

Harry Hurtig: Die Scheibers waren ziemlich einflussreiche Personen in der Landgraf-Szene. Der Scheiber Andi und sein Bruder, dessen Name mir jetzt nicht einfällt. Der Scheiber Andi hat zum Beispiel bei der Scheckfälscher Combo Schlagzeug gespielt, sein Bruder Saxophon. Er war einer der Opinion Leader der ganz frühen Punkszene und hat auch die Kohle  gehabt, um nach London zu fliegen, was damals ja ein Einfamilienhaus gekostet hat.

Johnny Pichler: Es gab da den kleinen Walter, der danach Hippie geworden ist, Pichler Eva und Schwedentommy. Die haben schon so tolle Namen gehabt. Es gab außerdem einen Linzer und einer Wiener Andi Abschaum. Der Andi Abschaum war der schönste Punk von Linz, ein echt total fescher Typ. Er hat auch eine schöne Vespa gehabt. Diese Leute sind alle oft im Landgraf herumgehangen.

Thomas Baua Hauer: An den Scheiber Andi kann ich mich erinnern. Und an Thoralf, der schon gestorben ist. An den Poharzelsky und diese Partie. Ich habe sie auch im Landgraf drüben gesehen, weil mir irgendwer erzählt gehabt hat, dass die sich dort drüben treffen. Also bin ich gleich hinüber und geduckt hineingegangen. Für die waren wir damals die Jungpunks und sind völlig ignoriert worden. Es hat natürlich auch keiner von mir Notiz genommen. Die waren alle viel älter als ich, das war schon eine andere Welt. Auch diese einzigartige Landgraf-Atmosphäre, die ich vorher noch nie irgendwo gesehen hatte. Dieses fast schon Morbide, Modrige, Alte, Abgetakelte, Abgefuckte – das hat mich gleich fasziniert. Irgendwann habe ich dann einmal den Johnny Pichler kennen gelernt und den Popel. Der Johnny ist damals mit dem Popel in dieselbe Klasse im Stifter- gymnasium gegangen. Das war der Einstieg, als ich mit dem Fortgehen angefangen und eben auch die Konzerte gesehen habe: Willi Warma, Miss Molly’s Favourites – die ganzen Linzer Bands und auch einige Wiener New Wave-Bands.

Johnny Pichler: Der Baua hat mich mit „Sie“angeredet. Ich bin ja mit dem Popel in der Stifter- straße eine Zeit lang in dieselbe Klasse gegangen. Bis sie ihn rausgeworfen haben. Jedenfalls waren wir auf einem Schulwandertag auf der Gis.30 Und wo kommt man da wieder an in Linz? Auf der Sonnensteinstraße. Und was ist dort gleich in der Nähe? Das Landgraf. Und wer geht sofort dorthin und verzaht auch den Popel? Ich. Und wer steht dort an der Budel? Der Baua. Thomas Hauer. Popel hatte gerade angefangen zu punken und Baua auch. Ich war der alte Hase, der alles weiß und alles kennt. Eh klar. Ich habe mich dort mit dem Popel hingesetzt und dann hat der Baua gesagt: „Grüß Gott, darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Thomas Baua Hauer: Die Punkmode hat sich in Linz ziemlich rasant entwickelt. Die alten Leute mit ihren Sakkos und etwas zerzupften Haaren sind noch nicht so aufgefallen. Ein Jahr später gab es schon Irokesen, Lederjacken und bunt angemalte Gesichter.

Johnny Pichler: Im Landgraf haben wir immer kleine Rum bestellt. Das war das Billigste, hat sechs Schilling gekostet. Nicht 80%igen, sondern 40%igen. Da war die Frau Inge, die blade Kellnerin, die immer die Musicbox leiser gedreht hat. Das war überhaupt super: Willi Warma haben immer coole Singles in die Musicbox hineingetan, zum Beispiel die erste Chuzpe-Single. „They Can’t Beat The Beat“, so hat die geheißen. Die ist auffe und owi  gelaufen. Frau Inge hat immer leiser gedreht. Wir haben wieder lauter gedreht. Sie wieder leiser. Dann haben wir einen Rum bestellt.

Manfred Cellnigg: Im Landgraf gab es die Hackls und dann noch ein oder zwei Kellnerinnen. Eine war die gefürchtete schwarze Trantüte, die immer sauer war. Aber sie war irgendwo auch eine Protagonistin. Alkohol war natürlich ein Thema, allerdings auch eine Geldfrage, denn Alkohol war ja das Billigste dort. 2 cl Inländerrum um sieben Schilling. So ist es dann recht schnell gegangen mit dem Rausch. Man ist gleich einmal mit einer gewissen Grund- ausstattung konfrontiert worden, einem eigenen Mikrokosmos. Weil dort hast du eben alles gehabt: Alkohol, Drogen, Künstler, Freaks – alles, was man sich in seinem vorigen Leben, in seiner bisherigen Entwicklungsphase, gar nicht vorstellen hat können. Das hat dich enorm bereichert, auch wenn du dort irgendwie halb bewusstlos herumgeschwommen bist. Aber es war nicht nur rein hedonistisch, nur für den Spaß. Du hast auch viel mit Leuten geredet, über alles Mögliche. Wenn das dann auch noch mit deiner Pubertät  zusammenfällt, ergibt es eine heftige Zeit.

Johnny Pichler: Die eigentliche Initialzündung fand für mich in Wien statt. Beim 2. Wiener Szene Live-Fest in den Sophiensälen. Da bin ich schon in der Stifterstraße in eine katho- lische Privatschule gegangen. Ich bin mit meiner Schwester, dem Sperma Hans und noch ein paar anderen nach Wien gefahren. Ich glaube, ich war damals erst zum dritten Mal in meinem Leben in Wien. Alles war so grau und schiach. Und dann geht man um die Ecke und auf einmal stehen da zwanzig Punks mit grünen, gelben, roten, irre leuchtenden Haaren. In Leder und mit Nieten. Da war klar: So muss ich werden. Was ich damals nicht wusste und erst lange nachher erfuhr: Die Punks haben an dem Tag nur deshalb so irre Frisuren gehabt, weil gerade die ersten Ausgaben des „Wiener“ herausgekommen sind und da haben sie ein paar Punks zusammengefangen und zu Szenefriseuren verschleppt, um eine Fotosession zu machen. Das Tollste an dem Abend waren Chuzpe, noch als Punkband. Pogo quer durch die Massen. Tom Pettings Herzattacken wurden von der Bühne gespuckt. Sogar aus der siebten Reihe wurde noch getroffen. Voll ins Gesicht. Während der Eberhard Forcher Gitarre gespielt und versucht hat, dagegenzuhalten. Die großen Ansager waren der Vandal, der Lurkers und die Schäffer-Brüder. Super ungute Typen. Irre arrogant. Geschissen. Die haben anschließend einfach die ganzen Sophiensäle zerlegt, was mir total getaugt hat. Dann sind wir noch durch Wien gezogen. In einer  Taxlerkneipe haben wir geschaut, dass es wieder Tag wird. Das war die erste  durchgemachte Nacht für mich. Die ersten Punks, das erste Mal Haschisch, das erste Mal auch einen kleinen Sessel zertrümmert. Als ich wieder zurück in Linz war, habe ich geglaubt, ich wurde in Wien getauft. Ich habe die Welt gesehen. Da war dann auch klar, dass ich ganz anders werden musste. Ich habe begonnen die Haare zu färben, woraufhin ich große Probleme in der Schule gekriegt habe. Eh klar. Die ganze Latte rauf und runter.

Harry Hurtig: 1979 habe ich mit einer Band namens Heeresgrau begonnen, Musik zu machen. Wir haben gesagt, wir machen jetzt ganz einfach eine Punkband. Damals war es eben extrem hip, so etwas zu sagen. Es hat keiner wirklich ein Instrument beherrscht, sondern du bist einfach hergegangen und hast behauptet: „Ich bin Gitarrist!“ So hat sich jeder eine Rolle ausgesucht, keiner hat wirklich spielen können, aber trotzdem hat man sich nach einer Woche wieder getroffen und jeder hat von irgendwo Zeug dahergeschleppt. Mit Heeresgrau haben wir dann in einem Jugendzentrum in Kleinmünchen gespielt, was sehr provokativ geendet hat. Hakenkreuze waren ja damals extrem beliebt, mit Sid Vicious und der provokativen Hakenkreuzverbreitung seitens Vivian Westwood und Malcolm McLaren ist das aus England zu uns zurückgekommen. Ich bin auch mit so einem  Hakenkreuz- T-Shirt aufgetreten, weil es eben witzig war. Außerdem habe ich zu dem Zeitpunkt einen Haufen Modellfl ieger und Panzer gebaut und habe Hakenkreuze im Überfluss gehabt. Diese ganzen Revell- und Airfix-Sachen. Also, ich hatte da keine Berührungsängste. Was auch heißt, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht wirklich realisiert hatte, was das eigentlich heißt. Die Informa- tionen dazu waren nicht so übermäßig dick da, die Aufklärung darüber ist heute eine ganz andere als damals. Ich war also kein Nazi, es war rein provokativ  gemeint. Der Jugend- heimsleiter, ein klassischer 68er-Hippie mit langen Haaren, hat das nicht verstanden. Für mich war es eine Provokation, die in die Hose gegangen ist. Ich habe bis heute ein  gestörtes Verhältnis zu den 68ern und zu diesem ganzen Hippietum.


WILLI WARMA

Kurt Holzinger & Harry Hurtig gelesen von Peter Leisch
Sophie Rois & Bernhard Praschl gelesen von Peter Donke
Peter Donke & Peter Leisch gelesen von Harry Hurtig

Kurt Holzinger: Das mit Willi Warma hat Ende 76, Anfang 77 begonnen. Unser erstes Konzert war in der Unger-Villa. Für uns hat sie wie die Villa Knox aus „Fix und Foxi“ ausgeschaut. Ein großes Wohnzimmer und die Eltern waren über das Wochenende weg. Wir haben gesagt, wir laden jetzt Leute ein und spielen. Und da sind um die 30 Leute gekommen. Offiziell fand das erste Konzert in einem Jugendzentrum an der Rechten Donaustraße statt, wo jetzt der Verein Miteinander drinnen ist. Dann haben wir auch bald im Club 77 gespielt, in der Mo- zartstraße. Das war eher ein Jugendzentrum. Ich weiß noch, da hat es auch einen Arztsohn gegeben – wir waren ja eine Band mit einem Umfeld aus lauter Arztsöhnen – und der hat den Jaguar seines Vaters ausgeliehen und hat uns damit in der Mozartstraße vorgefahren. Wir waren geschminkt, hatten lange Haare und indische Schals – total präpotent.

Bernhard Praschl: Ich bin in der Merkur-Siedlung aufgewachsen und Christian Unger hat ein bisschen unterhalb gewohnt. Da hat man mitgekriegt: Aha, der hat eine Band. Denn Willi Warma haben im Haus der Ungers gespielt. Öffentliche Proben im Wohnzimmer.

Peter Donke: Ich war Dr. Feelgood-Fan. Rhythm & Blues, Pubrock. Da gab es schon 1975 die ersten Platten, die definitiv nicht mehr Jazzrock waren. Mir hat auch die Jeanshemden- abteilung besser gefallen als das Nadelndurchstechen. Trotzdem war ich ein großer Punk- Sympathisant, weil es sich in diesen Zirkeln einfach abgespielt hat.

Kurt Holzinger: Mit Willi Warma sind wir back to the basics gegangen. Zum ursprünglichen Rhythm & Blues, Rock’n’Roll oder auch Beat aus den 60ern. Vor allem die Rolling Stones natürlich. Einer unserer ersten Fans war der Bernhard Praschl. Es war defi nitiv er, der in das wunderbare Café Landgraf gegangen ist und gefragt hat, ob wir da nicht spielen könnten.

Bernhard Praschl:
Mein Zeichenlehrer aus dem BORG hat mit seiner Band im Landgraf  gespielt. Bei einem Fünf-Uhr-Tee. Ich habe mir gedacht, wenn der dort spielen kann, können das Willi Warma auch. Ab dem Zeitpunkt hat es dann im Landgraf Konzerte gegeben. Peter Donke: Berni Praschl hat sich zu unserem Agenten gemacht. Wahrscheinlich, weil er gemeinsam mit Lewo die Andy Warhol-Geschichte intus hatte. Da war es natürlich hip, dass man eine Band managt. Er hatte auch gleich zwei gute Ideen. Eine gute Idee betraf Fotos von Barry Ryan. Der hatte Frauen als Katzen fotografiert, so richtig sexistische Din- ger. Die haben wir als Plakate abgewandelt. Das hat sich zumindest von diesen Jazzrock- Plakaten abgesetzt, die es gegeben hat. Und was noch viel wichtiger war: Er fand einen Platz, an dem man spielen konnte – das Café Landgraf. Im 77er Jahr haben wir noch in Jugendzentrumseinrichtungen gespielt. Da waren immer um die 80 bis 100 Leute. Zum Ärgernis aller Jazzrocker haben wir uns mit einem  Jaguar vor einen vollen Club vor- fahren lassen. Dann mussten die Jazzrocker, quasi die Crème der neugierigen Musiker, noch unsere Gitarren stimmen, denn das haben wir nicht fertig gebracht. Anschließend waren alle irrsinnig sauer, weil wir so viel Scheiß gespielt hätten. Was aber nicht ganz stimmen konnte, denn wir haben ein Publikum gehabt, was die anderen zu dieser Zeit schon nicht mehr hatten.

Harry Hurtig: Ich habe immer „Treffpunkt Studio 4“ gehört. Da haben sie „God Save The Queen“ von den Sex Pistols gespielt, und mir sind gleich die kurzen Brusthaare steif weg- gestanden, weil das so geil war. „Treffpunkt Studio 4“ war eine Radiosendung, die um 22 Uhr auf Ö3 begonnen hat. Da ist alles Progressive gespielt worden, was man tagsüber nicht hörte. „Brighton Rock“ von Queen war eine beliebte Nummer. Und dann ist der Tag gekom- men, wo ich Willi Warma das erste Mal gesehen habe. Im  Jugendzentrum Marklstraße. Als Vorgruppe von Feedback. Das war eine Hardrock-Hippieband. Die haben ein Programm gehabt von Deep Purple über Jimi Hendrix zu Led  Zeppelin. Also quasi lange Haare und Glockenhosen. Hauptact! Das war ja noch extrem wichtig. Als Hauptact warst du der King. Aber Feedback hatten an dem Tag Pech. Mit Willi Warma war der Hauptact des Abends schon vorüber. Die sind mir wirklich extrem eingefahren und auch aus heutiger Sicht halte ich sie immer noch für einen der besten Acts, die ich erleben durfte. In der Phase waren Willi Warma eine Rock’n’Roll-Coverband. Sie haben ein Sixties-Programm gehabt, das hat Rolling Stones-Platten umfasst, genauso wie Rhythm & Blues-Klassiker. Sehr frech gespielt. Sehr fetzig. Sozusagen der Vorläufer von dem, was dann auch im Punk passiert ist.

Sophie Rois: Linz ist ja nicht so groß. Die Szene war nicht so schwer zu finden. Und es gab mehr oder minder eine natürliche Verbindung, weil ich mit Peter Donke liiert war, meinem ersten Freund. Wir haben uns im Winter 77 kennen gelernt. Da gab es Willi Warma schon. Vorher gab es nur Konzerte von Hippie-Bands. Mit ewigen Gitarrensolos. Bei Sommer festen im Mühlviertel, wo es kalt war und geregnet hat. Auf einem Bauernhof, was alle toll fanden, nur man selber nicht. Weil das Fest eigentlich von Armut und Unterdrückung erzählte. Ein karibisches Sommerfest sollte es sein, aber es gab nur kalt schwitzende Bauernhaus mauern und Typen mit Bärten, die nach Schnaps und Knoblauch stanken. Und plötzlich war mit diesen anderen Buben und der anderen Musik ein anderer Sex-Appeal da. Denn die Willi Warma-Jungs hatten alle zusammen einen unglaublichen Sex-Appeal. Die sahen nicht nur schnuckelig aus, die zogen sich auch toll an und waren obendrein nicht doof. Mit der pubertären, männlichen Energie, die man in dem Alter hat, ergab das zusammen einen unglaublichen Drive.

Peter Donke: Meine Helden waren die Kinks mit Ray Davies. Die hatten mehr Zynismus, ein bisschen die feinere Klinge. Sie haben sich stärker mit dem kleinen Mann beschäftigt. Rockpile, Dr. Feelgood. Das war es so für mich. Typen, die miteinander im Wirtshaus stehen. Nicht dieses Jetset von den Stones und der ganze Schas. Die Stones haben in den frühen 80ern auch nicht wirklich spielen können. Das war die schlechteste Band am Planeten.

Sophie Rois: Mein Zugang zur Musik lief sehr stark über den Peter und natürlich auch über den Holzinger, der viel exquisiter in seinem Musikgeschmack war. Einerseits wussten sie immer genau, was es gerade Neues gab, auf der anderen Seite waren sie auch so selbstbe- wusst, dass sie viele andere Sachen quer durchgehört haben. Meine ganze musikalische Sozialisation, die meinen Geschmack nachhaltig geprägt hat, kommt von den Burschen her. Zum Beispiel diese ganz seltenen Kinks-Sachen: „Village Green Preservation Society“ oder „The Great Lost Kinks“, die verlorene Platte, die wirklich keiner hat.

Peter Donke: Das Café Landgraf war aus vielen Gründen ideal. Im Jänner 1978 haben wir zum ersten Mal den Wirt getroffen, Oskar Hackl und seine wirklich tolle Frau, deren Namen ich vergessen habe. In einem relativ abgefuckten Lokal mit Bühne, vor allem aber mit hervorragenden Voraussetzungen, dort etwas zu machen. Das Haus gehört der Ärztekam- mer. Die hatten eher langfristig mit einem Gewinnzuwachs spekuliert, weil sie gerochen hatten, dass dort einmal ein heißes Pflaster entstehen würde. Also gab es einen Pächter, der ihnen schon irre viel Geld schuldete und keine Veranstaltungsgenehmigung mehr hatte. Trotzdem hat man ihn nicht hinausgeschmissen, denn er war ja der Platzhalter da drinnen. Früher war das ein Lokal mit Krawatten- und Sakkozwang gewesen. Es hatte auch große Zeiten erlebt, aber das dürfte Ende der 60er gewesen sein. Jedenfalls hat der Pächter ja zu unserem Konzert gesagt und im Februar 1978 haben wir das erste Mal dort gespielt.

Sophie Rois: Das Landgraf war ein muffiges Caféhaus. Ich war nie drinnen, bin erst rein, als die dort angefangen haben, Konzerte zu spielen. Das war, wie wenn man in einem muffi gen Zimmer ein Fenster aufreißt. Für jene, die es entdeckt hatten, war es ein unbesetztes  Territorium, auf das man losstürmen konnte.

Peter Donke: Der Wirt hat das Geschäft mit dem Bierverkauf gemacht und war happy. Er hat mit den jungen Leuten keine Schwierigkeiten gehabt. Die Frau war wie eine Mutter zu uns. Das Schnitzel – da hat man angerufen, dann hat man eines bekommen. Die Brötchen haben Willi Warma-Brötchen geheißen. Man kann sagen, wir waren dort zuhause, waren die Platzhirsche und haben regelmäßig gespielt. Es sind immer mehr Leute gekommen, bis dann auf einmal 300 da waren und das Gefühl immer besser wurde. Und Julius hat eine Bühne gehabt, wo er seine Schwuchtelei so richtig ausleben konnte. Er ist dann im Mieder aufgetreten. Bei „I’m Waiting For My Man“.

Kurt Holzinger: Die Frau Hackl, das war unsere Mama, die war grandios. Ihrem Mann hat es wohl überhaupt nicht gefallen. Aber er hat gesehen, dass er da gute Kohle machen kann. Er war total verzweifelt, aber wenn er am nächsten Tag in seine Brieftasche geschaut hat, dann hat er gewusst, es ist richtig. Wir haben auch im Espresso die Jukebox bestückt, haben sozusagen das Lokal kulturell übernommen, ohne dass das die Leute, die am Nachmittag dort waren, gestört hätte. Da waren viele sympathische Leute. Der Spartakus-Willi zum Beispiel, der im Schachklub war. Denn es gab einen Schachklub und Frauen, die Karten gespielt haben. Das war eine sehr angenehme Kultur. Und auf d’Nocht gab es dann einen Wechsel, da sind die heimgegangen und wir sind gekommen. Das Landgraf wurde zu einem Zentrum der gesamten Jugendkultur in Linz. Ein Zentrum für Leute, die irgendwie anders, die nicht angepasst waren.

Peter Leisch: Das Landgraf war ein ziemlich grandios versifftes Café mit zerschlissenen alten Polstergarnituren. Darin ist der alte Landgraf – mit Anzug und Krawatte immer  tadellos gekleidet – wie ein Doppelgänger von William S. Burroughs durch den Lärm  gewatet. Ich habe ihn fast ikonenhaft in Erinnerung. Als einen, der eigentlich schon völlig weggedriftet ist und mitten im Inferno durch die Gegend schlapft. Er hat überwältigt  gewirkt, aber nicht wie einer, der dazu gezwungen wird.

Harry Hurtig: Die Hackls sind sozusagen die „Godfathers of Punk“ gewesen. Unfreiwillige natürlich, weil sie waren ja eigentlich auf einem anderen Trip drauf. Aber sie haben  akzeptiert, dass es da so drunter und drüber geht. Jeder normale Gastwirt, der irgend welche Pläne mit seinem Lokal gehabt hätte, hätte eine derartige Szene sowieso niemals geduldet. Sie haben aber einen recht guten Umsatz gemacht, weil es sind ja Unmengen gesoffen worden. Bei einem Willi Warma-Konzert sind später 600 Jugendliche da gewesen, die sich die Hucke vollgegossen haben. Genauso war es der Klassiker, am Sonntagvormittag im Landgraf zu sitzen und einen Rum zu trinken. Um fünf Schilling das Stamperl. Um elf Uhr Vormittag habe ich eigentlich schon den Sonnenuntergang gesehen, weil ich so voll war. Das war der Platz, wo du hingegangen bist, um dich völlig niederzusaufen. Aber auch um Kuchen und leckere Wurstbrote zu essen. Die belegten Brote von der Frau Hackl waren ja ungefähr 30 Zentimeter hoch und voll mit Wurst, Käse und Gurkerln. Dafür hast du Sprung- federn im Hintern gehabt von der kaputten Lotterbank, und die Sessel sind alle auseinander gefallen, weil in der Nacht davor drei Typen draufgestanden sind. Übereinander, weil sie Willi Warma sehen wollten. Es war eben alles erlaubt. Nichts war verboten. Und diese Freiheit war einzigartig. Das war eine schöne Zeit, Kultur zu  machen und kennen zu lernen. In dieser Form hat es sie seither nicht mehr gegeben. Im Landgraf hat wirklich jeder Idiot hergehen können und sagen: „Herr Hackl, geben Sie mir einen Termin.“ Dann hat der nur auf einen Kalender gedeutet, und du hast dich einfach hineingeschrieben. Da haben Leu- te gesagt, wir machen eine Band. „Ja, super! Schreiben wir uns gleich ein.“ Dann ist irgend- was dort gestanden und du hast dir gedacht: „He, scheiße. In zwei Wochen haben wir einen Gig im Landgraf, und wir haben immer noch keine Nummer.“ Aber irgendwie war es ein Ansporn. Und die, die kreativ waren, haben das genutzt. Da ist viel passiert und es war auch spannend, weil es sein konnte, dass irgendein völlig versiffter Junkie auf der Bühne  gestanden ist und Rock’n’Roll gespielt hat. Ärgste Typen. Es konnte absolute Kacke sein, aber es war auch interessant zu sehen, wie irgendwelche Geistesgestörten da oben stehen und irgendwelchen Blödsinn machen. Das war eben Punk. Ich meine, das hat überhaupt nichts mit Punk in dem Sinn zu tun gehabt, wie er heute rückwirkend gesehen wird, sondern es war die Freiheit, das zu tun, was du willst.

Bernhard Praschl: Noch zu meiner Schulzeit habe ich eine Vorführung von Dietmar Brehm in der MAERZ-Galerie gesehen. Alleine die Filmtitel: „Normal“. Die waren so Andy Warhol- oder Factory-mäßig betitelt. Auch das Plakat sah danach aus. Das hat mich interessiert, darum bin ich hingegangen. Der Brehm hat ausgeschaut wie ein Popstar. Ich habe über Brehm und seine Filme einen Artikel für die „Leerräume“ geschrieben. So war man kreativ, ohne ein Filmemacher oder Musiker zu sein, indem man darüber schreibt.

Kurt Holzinger: Zu Dietmar Brehm hatten wir guten Kontakt. Wir haben ja in einem seiner Filme mitgespielt. Dafür mussten wir unsere riesengroßen Speakerboxen – die haben ausgeschaut wie Särge – in seine Wohnung in der Mozartstraße hinaufschleppen. Dann haben wir ein Konzert gespielt. In seiner Wohnung. Für den Film. Er war ein absoluter Velvet Underground- und Lou Reed-Fan. Er hat ja auch, wenn er Bilder gemalt hat, ständig diese Musik gehört. Das war ein bestimmender Einfl uss für ihn.  Zumindest in den 70ern.

Peter Donke: Ich habe Dietmar Brehm gar nicht gekannt. Mein Zugang war rein über die Rockmusik. Denn ich habe auch nicht diese weltoffene Jesuiten-Schulausbildung genossen, wo sie schon in der Schule Theater gespielt, Experimentelles aufgeführt haben. Das waren so quasi die Gescheiten. Wir waren eher die Doofen und hatten immer fürchterlichen Streit mit Gary Danner-Eidlhuber, der dann bei The Vogue gespielt hat. Den haben wir praktisch adoptiert. Der ist mit uns zur Schule gegangen und hat immer gesagt: „Ich bin der, der Kopfmusik macht. Aber ihr macht ja alle Schwanzmusik. Pfui Deibel!“ Wir waren recht stolz, dass wir eher grindig und böse waren, dass unsere Gitarren nicht gestimmt waren.

gepostet am 04-12-2007 18:06:55, mehr Artikel von Stefan Schallerl, mehr Artikel aus der Kategorie Events