SRA-Logo Bands Companies Records Personen Printmedia Feed Us (Feedback) Musiktank online vis.sra.at fempop.sra.at Kontakt
SEARCH ALL
 

Die Strottern und Jazzwerkstatt Wien - Die Wiener Stadtmusikanten

Die Strottern und Jazzwerkstatt Wien: Die Wiener Stadtmusikanten

Diesen Artikel finden Sie auch in Jazz Zeit Nr. 78

Die Strottern erweitern ihre zeitgemäße Form des Wienerlieds mit frischem Input aus der Jazzwerkstatt Wien. In diesem musikalischen Gemenge zeigen sich unerwartete Berührungspunkte zwischen Volksmusik und Jazz-Tradition.

„Warum soll ich den Stephansdom besingen?“ sagt Klemens Lendl. „Der Stephansdom steht eh da. Ich geh ihn anschauen, wenn ich was von ihm will.“ Wenn das Wienerlied sich durch bloße Selbstbespiegelung definiert und das nostalgische Bedauern einer guaten, alten Zeit über alles stellt, dann will der Geiger und Sänger des Duos „Die Strottern“ kein Wienerliedkünstler sein. Aber er ist es doch, auf seine ganz eigene Weise. Und aus dem Zugang, den er mit seinem Partner David Müller über die Jahre erarbeitet hat, lässt sich vielleicht mehr über das Wesen des Wienerlieds lernen als von manchem Traditionsverein.
Lendl und Müller sind Wienerliedsänger ohne Berührungsängste: Seit die beiden sich nach diversen gemeinsamen Pop-Projekten und einer „Fake-Pseudo-Jazz-Band“ (Lendl) dazu entschlossen, auf Mundart eigene Stücke zu dichten, waren sie immer wieder für Kollaborationen offen. Ihr neuestes Projekt, die CD „Elegant“, führt sie mit Musikern aus dem Zirkel der Wiener Jazzwerkstatt zusammen: Mit Rhythm-Section, Bläsern, E-Gitarre und Piano entsteht ein neuer Sound, bei dem sich alle Beteiligten ein Stück weit von ihrem angestammten Terrain entfernen, ohne aber ihre eigene Handschrift zu verlieren. Die Musiker, die sonst im intimen Duo-Rahmen agieren, finden sich im Umfeld einer kleinen Bigband wieder, die ihrerseits aber gern einmal in Richtung Rock und Blues ausbricht.
Wie bei vielen Kollaborationen ergab sich auch die Achse zwischen Jazzwerkstatt und Strottern durch persönliche Bekanntschaften: Müller und Lendl schauten immer wieder bei Jazzwerkstatt-Veranstaltungen vorbei, Lendl und Werkstatt-Bassist Bernd Satzinger organisierten 2007 gemeinsam einen Charlie-Haden-Tribute. Beim Festival „Wean Hean“ 2008 kam es dann zum ersten großen gemeinsamen Auftritt.
Die scheinbar mühelose Anschlussfähigkeit der Saxofone an die lockeren Geigenmelodien, der raunzenden Texte an die röhrenden Gitarren ist aber nicht allein der Offenheit und Experimentierfreude der Beteiligten geschuldet. Es sei schon auch etwas im Wesen der Musik, das das Zusammenspiel erleichtere, erklärt Lendl.
„Ich kenne keine andere Musik, in der man solche Vielfalt überliefert findet“, sagt der Geiger, der von seinem Vater strenge Klassik-Tradition mit auf den Weg bekam. „Ich denke mir oft: Wie froh bin ich, dass ich das Wienerlied habe, sozusagen als Ursuppe, in die ich hineingreifen kann.“
Die Zutaten der „Suppe“ kommen direkt aus der Geschichte Wiens: Jodler und Volksweisen fahrender Tiroler Sänger lassen sich im Wienerlied finden, der Witz jüdischer Textdichter, ebenso Traditionen der osteuropäischer Musiker, die sich in der einstigen Hauptstadt des Habsburger-Vielvölkerstaates ansiedelten.
„Vieles im Wienerlied ist auch der Jazzharmonik ähnlich“, sagt Bernd Satzinger, der vier Stücke des Albums auf Basis von Lendls Texten komponierte. „Es gibt viele chromatische Rückungen, viele Akkordwendungen sind vergleichbar. Es ist kein Zufall, dass Jazzer immer wieder gern den Bogen geschlagen haben.“ Schon das Wiener Jazz-Urgestein Fatty George improvisierte zum Wienerlied, und Karl Hodina, der ab den 1970ern maßgeblich an der Wiederentdeckung des Repertoires mitwirkte, war eigentlich Jazzmusiker.
„Ich assoziiere mit dem Wienerlied auch Sachen wie ‚Come Sunday’ oder ‚Mood Indigo’ von Duke Ellington, oder Stücke von Charles Mingus“, sagt Bassist Satzinger. „Auf dieser bluesigen, sanften Seite treffen sich die beiden Musikrichtungen bestimmt.“
Satzinger, der Gitarrist Peter Rom, der Pianist Clemens Wenger, der Posaunist Daniel Riegler und der Saxofonist Wolfgang Schiftner nahmen sich zunächst für den „Wean Hean“-Gig der Strottern-Texte an, für die CD wurden einige Titel weiterentwickelt. Teilweise lehnen sich die Kompositionen an das traditionell „verhatschte“, raunende Wiener Idiom an, manchmal widersprechen sie dem Klischee mit Rock-Rhythmen und schnellen Tempi vehement. Nicht nur das musikalische Vokabular, auch die Strottern-Texte boten genügend Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit. „Bei den Themen merkst du, dass das Wienerlied aus einem Schmelztiegel, einer echten Großstadt stammt“, sagt Lendl. „Die Texte erzählen etwas von Wien, sie zeigen viele Schichten, durch die du die Stadt kennen lernst und letztlich auch erfährst, wo du herkommst.“
In gewisser Hinsicht teilt das Wienerlied ein Schicksal des Jazz: Beide Genres entstanden als urbane Musikstile, als Ausdruck der Vielfalt einer Metropole, und wurden erst nach und nach von „Puristen“ zu einer reinen Lehre verdichtet. Im Wienerlied wie im Jazz gibt es Orthodoxe, die lieber auf die Geschichte zurückschauen, statt sich neugierig in der Gegenwart umzusehen. Die Musiker der Jazzwerkstatt, wiewohl auch im Standard-Jazzrepertoire geschult, haben sich von derlei Retro-Purismus seit jeher distanziert. Auch bei ihnen ist Jazz eine urbane Musik, die sich durch das Aufeinandertreffen von verschiedenen Menschen und ihrer Geschichten definiert.
Die Kollaboration der Strottern und der Jazzwerkstatt lässt sich also als eine natürliche Reaktion auf das urbane Leben begreifen, als Verarbeitung von Großstadt-Situationen und Beobachtungen. Es geht eben nicht um den Stephansdom oder den Grinzinger Wein, sondern um die Menschen in den Straßen, Gasthäusern – oder den Schicki-Micki-Tempeln. „Es glauben manche Leute dass’ was bessers san wie wir“, heißt es im Titeltrack „Elegant“, einer bissigen Tirade auf selbsternannte Eliten in Wien und anderswo. Von hier ließe sich eine gerade Linie zur Jazz-Tradition konstruieren, in der sich zunächst afroamerikanische Musiker im Schatten der etablierten Eliten ihren eigenen Stolz und Stil zimmerten, mit einer Attitüde, die man heute als Hipness und Coolness kennt. „Elegant, elegant samma söba“, singt Lendl heute. Wäre Duke Ellington ein Wiener gewesen, er hätte vielleicht ähnliches von sich gegeben.
Michael Huber


AKTUELLE CDs
Die Strottern und Jazzwerkstatt Wien
Elegant
(Jazzwerkstatt)

Die Strottern
I gabat ois
(2008, Cracked Anegg)


gepostet am 25-04-2009 16:49:21, mehr Artikel von SRA.at, mehr Artikel aus der Kategorie Jazzzeit.at